Das Mütterchen zu Madaun

In Madaun lebte einst ein so altes Mütterchen, daß es an Sonn- und Festtagen nicht mehr den drei Stunden langen Weg in die Elbigenalper Pfarrkirche machen konnte. Der Pfarrer wollte aber keine Ausnahme leiden und forderte das alte Weiblein auf, in die Kirche zu kommen wie andere Pfarrkinder. Am nächsten Sonntage machte sich das Mütterchen auf den Weg und betete in einem fort, bis es nach Elbigenalp kam. Dort stellte es sich bei dem Pfarrer, der es fragte, wie viel Vaterunser es auf dem Herwege gebetet habe. Da sagte die Alte:

"Drei."

Das däuchte den Priester zu wenig. Da sprach sie:

"Ach, heut ist es warm,"

und hängte den Regenschirm in die Luft, der ruhig hängen blieb. Daraus ersah der Pfarrer ihre Frömmigkeit und glaubte seitdem stets ihren Worten. (Lechthal.)


Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 852, Seite 497f.