93. Der Mellauer ist fest

Zur gleichen Zeit lebte auch am Stein in Mellau ein Schütze und jeder von den beiden wollte dem ändern Meister sein. Bald hätte es Händel gegeben, als der Mellauer Schütze riet, wer dem Apfelbaum am Wege die Rinde abschieße, solle als der bessere Schütze gelten. Der Schnepfegger willigte ein, fehlte aber. Hingegen traf der Schuß des Mellauers genau. — Auch von ihm war es bekannt, daß alle Felle mitten an der Brust durchschossen waren. Wenn man sie gleichmäßig aufeinanderlegte, trafen die Löcher so genau übereinander, daß man einen Stecken durchstoßen konnte. Wenn er ein Stück Wild ersah, wurde es sicher seine Beute. So kam es, daß er es auch mit der Jagdgrenze nicht gar heikel nahm und den Damülsern manches schöne Stück abstahl. Aus Zorn darüber wollten sie ihn erschießen. Es kam ihm aber zu Ohren und am nächsten Sonntag ging er in Damüls zum Gottesdienst. Nach der Kirche aber gesellte er sich zu den Männern, setzte sich im Wirtshaus zu ihnen und begann, auf seinem bloßen Knie Tabak zu schnetzen. Mit einem scharfen Messer schnitt er sich nicht die kleinste Wunde. Die Mülser schauten zu, fürchteten sich und standen klüglich von ihrem Vorhaben ab. — Merkwürdig war, daß der Mellauer Schütz das Wild auch lebend heimbrachte. Eine Hirschkuh vom Meilental folgte ihm wie ein Haustier. Einmal brachte er einen ganzen Trieb Gemsen nach Schwarzenberg und sperrte sie in den Wirtsstall. Wenn sich jemand anderer näherte, wollten sie scheu an alle Wände hinauf, aber als er sie ausließ, folgten sie ihm auf dem Fuße über die Lose bis nach Dornbirn. — Als es auch mit ihm zum Sterben kam, da wollte freilich seine letzte Not gar kein Ende nehmen. Man forschte nach dem Grunde und fand an der Innenfläche seiner linken Hand eine Hostie unter die Haut eingewachsen. Nachdem diese entfernt worden war, konnte er endlich sterben.

Quelle: Im Sagenwald, Neue Sagen aus Vorarlberg, Richard Beitl, 1953, Nr. 93, S. 71