Die Dienstbotenmuttergottes

I.

Vor etwa zweihundert Jahren lebte in Wien eine reiche Gräfin, eine sehr fromme Frau während der von der Kirche vorgeschriebenen Betstunden, jedoch ein böses Weib in den übrigen Stunden des Tages, ein rechter Teufel gegen ihre Dienstboten. Unter diesen letzteren befand sich ein armes, frommes Mädchen, das von ihr ganz besonders gequält wurde, da es allein in der Welt stand und außer seinem Dienste weiter keine Zuflucht hatte.

Als eines Tages der bitterbösen alten Dame aus dem Schmuckkästchen eine höchst kostbare Perlenschnur abging, beschuldigte sie die vorerwähnte Magd des Diebstahls, da nur diese Zutritt zu dem Schmuck hatte. Die Gräfin ließ sofort den Rumorleutnant zur Untersuchung in ihr Haus kommen. Als die Magd die Polizeileute eintreten sah, flüchtete sie zum Hausaltar der Gräfin, der erst vor kurzem mit einer neuen hübschgeschnitzten Muttergottes mit dem Jesukindlein versehen worden war, und rief in Todesangst: "Hilf mir, Gebenedeite!" - "Die Gottesmutter ist für mich gemacht" höhnte die Gräfin, "und kümmert sich nicht um arme Dienstboten: es ist eine Muttergottes für die Adeligen." "O, Maria Mutter Gottes" rief die arme Magd, "nicht wahr, das ist falsch? Du bist auch für die Diener da? Oh, zeige es mir, hilf mir und mache meine Anklägerin zu Schanden!"

Der Rumorleutnant, anstatt die Magd zu verhaften, begehrte nun, die Kästen und Koffer der gesamten Dienerschaft zu untersuchen, und siehe da! - die Perlen fanden sich im Koffer des Reitknechts, eines besonderen Lieblings der Gräfin, der sofort den Diebstahl eingestand.

Da war nun die Dame recht böse auf das Muttergottesbild und konnte es nicht mehr ansehen, weshalb sie es der Stephanskirche schenkte. Die Nachricht von der glücklichen Rettung der Dienstmagd hatte sich aber bald in der ganzen Stadt verbreitet, und da nebstbei verlautete, die neu aufgestellte Madonna habe den armen Dienstboten gegen seine böse Herrschaft geschützt, so strömten alle gequälten Mägde zu, was noch bis heute geschieht.


II.

In der Wiener Stephanskirche befindet sich seit langen Jahren ein Standbild Unserer Lieben Frau, das die "Dienstbotenmuttergottes" genannt wird und schon im 18. Jahrhundert, besonders am 20. Mai. großen Zulauf hatte. Als dem Gnadenbild 1784 auf Befehl Kaiser Josephs II. die Kleider abgenommen wurden, die es nach der barocken Mode trug, begann es auf einmal kläglich zu weinen und auf eine sehr deutliche Weise zu rufen: "Kleidet mich nicht aus!" Da dieses Wunder vor einer großen Menge Volkes geschah, so wurde dies dem Kaiser zur Kenntnis gebracht, der zur Antwort gab: "Wenn sich das so verhält, dann muß man ihr die Kleider lassen."

Quelle: Die Sagen und Legenden der Stadt Wien, herausgegeben von Gustav Gugitz, Wien 1952, Nr. 91, S. 105ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Anja Christina Hautzinger, Mai 2005.