492. Das Spinnfrauli. Ein Selbstmörder.

Früher wurde in unserer Gegend viel gesponnen, und die Spinnerinnen saßen, wie anderorts, zu den Spinnstubeten zusammen. Nur im Advent und zur Fastenzeit vermied man dies. Eine Spinnerin von Gebertswil achtete nicht auf der Väter Sitte und ging nach Aufhofen zur "Stubete", wo steißig geschwatzt wurde. Als sie dann spät in der Nacht den Heimweg antrat, hörte man hoch in der Luft ein wüstes Geschrei. Die Haarzöpfe der Person fand man am frühen Morgen an einer Eiche hangen; sie selbst aber war und blieb verschwunden. Nur im Advent und in der Fastenzeit geht an jener Stelle das Spinnfrauli um zur Warnung für alle, die gleich leichtfertig sein könnten.

Im Bannholzwalde ist es auch nicht geheuer. Ein Schneider kam einst von der Stör, wurde aber stundenlang im Walde herumgetrieben durch Dornen und Gesträuch, bis seine Kleider ganz zerfetzt waren. Der ihn hetzte, lief immer einige Schritte hinter ihm. Es soll der "Hans-Ma" gewesen sein, der sich einst im Walde das Leben genommen. Erst nach Mitternacht konnte der Schneider wieder seinen Weg gehen.                                                     
I. I. H.

Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 492, S. 290
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