164. Christnacht-Erscheinung bei Unterjoch.

Einst ging in der heiligen Christnacht, als schon tiefer Schnee lag, ein Mann von Unterjoch her der Wertachbrücke zu. Wie er dieser nahe kam, so hörte er plötzlich auf allen Zweigen, in allen Hecken und Büschen und auf allen Bäumen und Sträuchern einen wunderbaren Vogelsang aus tausend Kehlen wie am schönsten Frühlingsmorgen; dabei konnte er die Vögelarten, Lerchen, Amseln, Buchfinken und Meisen deutlich unterscheiden. Das alles, wie begreiflich, erfüllte den Mann mit mächtigem Staunen; denn er sah nichts als blätterloses, mit Schnee bedecktes Gezweig in heller Mondnacht. Auf einmal ließ sich von ferne wunderbares Schellengeläute vernehmen, und blitzschnell kam es heran; ein Schlitten war's, welcher gold- und silberfunkelnd daher fuhr, mit zwei Riesenhirschen bespannt und mit silbernen Schellen (Rollen) behangen, die ausnehmend lieblich klingelten. Im Schlitten aber saß ein hagerer, blasser Mann, mit kreuzweise übereinander geschlagenen Armen, der auf dem Haupte ein Barett trug und schwarz gekleidet war. Der Michel, so hieß der Mann, der in Höfen daheim war, konnte kaum alles anschauen; denn im Nu war alles vorbei, und verschwunden war der Glanz, und verstummt war der Vogelsang. Und wenn der Michel nicht so sehr gefroren hätte, er würde alles für einen Traum gehalten haben, weil auch kein Schlittenbahngeleise und kein Fußtritt der Hirsche zu sehen war; sie waren über den Schnee nur hingeflogen. Jetzt gedachte der Michel, daß der Sang der Vögel vielleicht dem neugeborenen Weltheiland gegolten habe; aber den Schlitten, die Hirsche und den blassen schwarzen Mann, die wußte er nicht zu "versorgen", will sagen, zu deuten. Er eilte, so schnell er konnte, heim und kam just an, als die Christnacht-Mette begann.

Auch andere haben in der heiligen Christnacht in jener Gegend ähnliche Erscheinungen wahrgenommen.

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 164, S. 170 - 171.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.