201. Geistende Sennen.
1.
In einer Alphütte im Retterschwangertale bei Hindelang erschien zu alten Zeiten alle Nacht zwischen elf und zwölf Uhr ein Geist, der wie ein Senn gekleidet war und sich auch als ein solcher gebarte. Zuerst kam er in den Stall und fing an zu kehren und unter Gepolter aufzuräumen. Hernach kam er in die Käsküche und machte sich da zu schaffen, rückte den Rührkübel zurecht, hantierte im Kessel, warf die Stotzen und Melkkübel umher, ging Tür aus und ein und holperte dann in seinen Holzschuhen bis in die Stube und kam sogar bis vor das Bett des Sennen. Nach einiger Zeit verschwand er dann wieder, und am Morgen war alles im alten Stand. So hatte zuletzt der Senn, der überhaupt ein sehr kuraschierter Mann war, sich bald so an die Erscheinung gewöhnt, daß er sich darob gar nicht mehr fürchtete und den Geist immer ruhig gewähren ließ. Zwei Sommer lang dauerte das so fort. Da kamen einmal des Sennen Mutter und Schwester aus Hellengerst auf Besuch, und weil für den nämlichen Tag ihr Heimweg zu weit gewesen wäre, so wollten sie in der Hütte übernacht bleiben, und der Senn wies den beiden sein Bett im Gaben an, während er sich "auf dem Stall" (Dachboden) in die Streue legte. Der Mensch vergaß aber, den beiden von dem Geist etwas zu erwähnen oder sie darauf vorzubereiten, und so gerieten sie, als dieser richtig wieder in der alten Weise herumholperte und polterte und zuletzt gar vor ihr Bett hinkam, in die schrecklichste Angst und Furcht. Voller Entsetzen fand die Mutter endlich doch noch soviel Mut, den Geist anzureden und zu fragen: "Was willst du von mir?" Da offenbarte dieser, er sei einundzwanzig Jahre lang in der Hütte Senn gewesen und habe während dieser Zeit oft das Eigentum seines Herrn veruntreut und sei lässig und gleichgültig im Dienste gewesen, weshalb er so lange umgehen müsse, bis ihm ein Mensch die rechte Hand reiche, daß er sie küssen könne. Da hatte die Mutter Mitleid mit ihm und bot ihm die Hand dar, freilich nicht, ohne sie zuvor mit dem Leintuch zu umwickeln. Der Geist erfaßte dieses, versengte es aber, und nun küßte er die bloße Hand und ward dadurch erlöst. Die Mutter aber hat von der Stunde an gekränkelt und ist kurze Zeit darauf gestorben.
2.
In den Oberstdorfer Bergen hatte sich einmal eine Schmalzbettlerin verspätet und mußte in einer Sennhütte bleiben, aus der man schon abgezogen war. Kam da während der Nacht auf einmal ein Mannsbild zur Hüttentür herein mit schönem weißem Hemd, mit sauberer Schürze und aufgestülpten Ärmeln, wie es die Sennen haben. Er machte ein Feuer in der Herdgrube an, richtete alles Käszeug her, ruckte den Kessel über, hantierte in den Stotzen und tat in allem genau so, als wollte er käsen, und pfiff und sang vor sich hin. Als er mit der Arbeit scheinbar fertig war, verschwand er wieder, indes die Bettlerin, die alles mit angesehen hatte, Todesängste ausgestanden hatte. Am Morgen war in der Hütte alles wieder im rechten Zustande, und man konnte nicht die mindeste Änderung wahrnehmen.
3.
In einer Hütte im Ammerwald bei Reutte geistete eine Sennerin. Einmal blieb in dieser Hütte einer übernacht. Nachts um zwölf Uhr kam die Sennerin zur Tür herein, fing an, Milch in den Kessel zu schütten und zu käsen und Butter zu rühren. Als sie fertig war, kochte sie sich ein Mus, zu dem sie statt des Mehles Asche nahm, und hierauf schrie sie dem auf der Britsche Liegenden zum Essen. Dieser wußte nicht, ob er gehen solle oder nicht. Da rief sie ein zweites und ein drittes Mal. Wenn aber Geister dreimal rufen, so muß man ihnen folgen, und so setzte sich der Mann hin zum Tische und fing an zu essen, und die Sennerin aß mit. Als aber diese nach einiger Zeit aufhörte und den Löffel weglegte, hörte er auch auf, obwohl ihm das Mus gar nicht so schlecht schmeckte. Hätte er aber noch fortgegessen, so wäre der Geist erlöst worden; so aber fing die Sennerin an zu weinen und entfernte sich.
4.
Ein Jäger blieb in einer unbewohnten Sennhütte übernacht.
In der Nacht hörte er auf dem Heuboden alle Arbeiten des Käsens
in der Hütte unten verrichten. Als das Schotten fertig war, erschien
der geisterhafte Senn und forderte den erschrockenen Jäger auf herabzusteigen
und von seinem Schotten zu essen. Der Jäger tat, wie ihm befohlen,
vergaß aber zu danken. Wenn er gesagt hätte: "Vergelt
dir's Gott!" wäre der Geist, eine arme Seel, erlöst gewesen.
Quelle: Allgäuer
Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter
des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München
1914, Nr. 201, S. 204 - 206.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.