Die Zwerge auf dem Baum
Des Sommers kam die Schar der Zwerge häufig
aus den Flühen herab ins Tal und gesellte sich entweder hilfreich
oder doch zuschauend den arbeitenden Menschen, namentlich zu den Mähdern
im Heuet (der Heuernte). Da setzten sie sich denn wohl vergnügt auf
den langen und dicken Ast eines Ahorns ins schattige Laub. Einmal aber
kamen boshafte Leute und sägten bei Nacht den Ast durch, daß
er bloß noch schwach am Stamme hielt, und als die arglosen Geschöpfe
sich am Morgen darauf niederließen, krachte der Ast vollends entzwei,
die Zwerge stürzten auf den Grund, wurden ausgelacht, erzürnten
sich heftig und schrien:
»O wie ist der Himmel so hoch
und die Untreu so groß!
Heut hierher und nimmermehr!«
Sie hielten Wort und ließen sich im Lande niemals wieder sehen.
Kommentar:
Mündlich aus dem Haslital, in Wyß: Volkssagen, S. 320
Quelle: Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm),
Kassel 1816/18, Nr. 147