DER ÜBELSEE BEI STULS

Nicht weit von Stuls liegt auf einer schönen Alm der übelsee. Er hat seinen Namen nach dem üblen Ruf erhalten, in dem er steht, da er nämlich von Hexen bewohnt sein soll. Wie man sagt, soll der Boden dieses Sees aus lauter Erz bestehen und sich auf seinem Grunde sehr viel Gold befinden.

Vor Zeiten lief einmal eine scheugewordene Kuh in diesen See und verschwand sofort in den Fluten; die Hexen hatten sie in die Tiefe gezogen. Von der Kuh hat man nie mehr etwas gesehen; den Schellenbogen aber, den sie um den Hals gehabt hatte, fand man später samt der Schelle unten im Sterzinger Moos. Denn dort kommt der unterirdische Abfluß des Übelsees zutage.

Gefährlich ist's auch, am Ufer dieses Sees einzuschlafen. Ein Hirte, der sich einst auf dem grünen Ufer des Sees hingestreckt hatte und alsbald eingeschlafen war, wurde plötzlich durch den Biß einer Eidechse aufgeweckt - und lag schon halb im Wasser! Der See war während seines Schlafes so hoch gestiegen, und wenn ihn die Eidechse nicht geweckt hätte, so hätte er unzweifelhaft ertrinken müssen! Die Eidechse aber ist niemand anders, als die Muttergottes gewesen, welche den frommen Hirten auf diese Weise aus der Gewalt der Hexen befreite.

Quelle: Menghin, Alois, Aus dem deutschen Südtirol. Mythen, Sagen, Legenden und Schwänke, Sitten und Gebräuche, Meinungen, Sprüche, Redensarten etc. des Volkes an der deutschen Sprachgrenze. Meran 1884. S. 51 - 53