Wie der alte Haid meiner Mutter als feuriger Hund begegnete
In Imst geht die Sage, daß der alte Haid, der an der Pfarrkirche Organist gewesen war, oft nächtens in der Oberstadt vom Ponterwirt bis zum Frauenkloster geistere. Entweder sah man ihn als Altfrank mit Dreispitz und Frack oder als großen Hund mit feurigen Augen, und in der einen oder andern Gestalt soll er schon vielen begegnet sein.
Auch meine Mutter hatte das Unglück, einmal seinen Weg zu kreuzen. Zugetragen hat es sich folgendermaßen: Mutter war wieder einmal über den Fern mit Spenglerwaren gefahren, ihre Begleiterin war ein längst erwachsenes Mädchen namens Trinele. Es war schon tiefe Nacht, als sie, müde vom weiten Weg, nach Imst kamen. Wie sie beim Ponterwirt vorbeigingen, sagte meine Mutter: "Siehst, Trinele, geforchten hab ich mir her und her, aber nie so wie jetzt, wo wir durch den Ort gehen." Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, da stand neben ihnen ein Hund und glotzte sie mit feurigen Augen an. Er trottete mit ihnen hinunter bis zum Frauenkloster, und sie fürchteten sich sehr. Hier war er auf einmal verschwunden, als ob er im Boden versunken wäre. - Meine Eltern wohnten im Haus gegenüber, dort, wo heute das Armenhaus steht. Wie meine Mutter mit ihrer Begleiterin von hinten durch die Scheune ins Haus gehen wollte, stand der Hund plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor dem Scheunentor und starrte sie mit seinen feurigen Augen an. Das junge Trinele konnte gerade noch vorbeischlüpfen, meiner Mutter aber verwehrte er den Eingang. Während sie voll Angst vor der Tür stand, alarmierte Trinele den Vater. Er nahm gleich die Lampe in die Hand, um Mutter hereinzuholen. Als er aber zum Tor kam und den unheimlichen Hund sah, erfaßte ihn so die Furcht, daß ihm fast die Lampe aus der Hand fiel, und er ließ die Mutter einfach stehen und lief in das Haus zurück. Kurz darauf war der Hund so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war, und die Mutter eilte, so schnell sie konnte, in die lampenhelle Stube.
Die unheimliche Begegnung hatte die Eltern so angegriffen, daß sie krank wurden und einige Tage mit geschwollenem Kopf das Bett hüten mußten.
Mutter hat Vater später noch oft Vorwürfe gemacht, daß
er sie in ihrer Bedrängnis so im Stich gelassen. Er, der sonst ein
äußerst kuraschierter Mann war, kränkte sich selber am
meisten darüber. Schuld, daß er versagte hatte, war die maßlose
Furcht, die ihn plötzlich ergriffen hatte.
Erzähler: der Imster Mundartdichter Jakob Kopp
Erzählt: Sommer 1940