Wie sich meinen Eltern ein Unglück anmeldete
Als einmal meine Eltern in Imst noch spät abends in der Stube saßen,
hörten sie vor dem Haus ein Weinen und Jammern, dazwischen Hilferufe
und immer wieder Vaters Namen "Joch! Joch!" schreien Sie liefen
schnell hinaus, um zu schauen, aber da war weit und breit nichts zu sehen.
Als sie sich darüber verwunderten, hörten sie auf einmal die
klagenden Stimmen in ihrer Wohnung droben, und als sie wieder hinaufgingen,
war im ganzen Stock keine Menschenseele. Am nächsten Abend wiederholten
sich wieder die Hilferufe, das Jammern und Klagen und das "Joch!-Joch!"-Rufen,
aber wiederum war weder auf der Straße noch in der Wohnung jemand
zu sehen. Am dritten Abend aber war der Spuk der beiden Vortage Wirklichkeit
geworden. Leute aus der Nachbarschaft riefen meinen Vater zu Hilfe, und
Weiber jammerten auf der Straße, weil ein Unglück geschehen
war. Ganz hinten am Imster Kalvarienberg, auf der Schinterbachseite, stand
ein Haus, das an den Konglomeratfelsen gebaut war. Ober diesem hatte sich
vom Berg ein großes Felsstück gelöst, dieses war auf das
Haus gefallen und hatte es zum. Einstürzen gebracht. In diesem Haus
wohnten Großeltern, Eltern und Kinder, und alle lagen nun unter
den Trümmern begraben. Der Koppe-Joch war zum Helfen geholt worden,
weil er als starker und tatkräftiger Mann bekannt war. Beim Fackelschein
half er mit, die Trümmer wegzuräumen, und bald hatte man die
Leute gefunden und ausgegraben. Sie waren noch warm, als man sie aus dem
Schutt zog, aber leider schon tot. Mit dem Leben waren nur zwei kleine
Kinder davongekommen. Die hatten im oberen Stock geschlafen, und als das
Haus einstürzte, waren sie vermutlich hinausgeschutzt worden, gerade
in das Wasser hinein. Die herabgestürzten Felstrümmer hatten
den Bach gestaut, und man fand die beiden Kinder in ihrer Wiege, im Bachwasser
schwimmend.
Erzähler: der Imster Mundartdichter Jakob Kopp
Erzählt: Sommer 1940