261. Das Alpmutterli

Eine Jungfrau reutete einst auf Tödigerhütte, am Flumser Großberg, ein Stück Boden zum Erdäpfelstecken; das heißt, sie schürfte den Rasen ab, machte kleine Holzhäufchen, legte die Rasenstücke darüber und verbrannte sie, um die Asche als Dung zu benutzen, weil sie keinen andern hatte.

In der Nähe weidete Vieh auf der Allmende. Da der Jungfrau das Hertragen von Staudenholz beschwerlich wurde, zumal es am betreffenden Tage sehr heiß war, so kam sie auf den Gedanken, ein Rind zum Heranziehen des Holzes zu benutzen; sie band dem Tier die Staudenbüschel an den Schwanz und besorgte auf diese Weise den Transport. Das Rind wurde aber dabei vom Blutanstoßen oder Blutstocken befallen und verendete. Als dies der Bauer erfuhr, verfluchte er die Person, indem er sagte, sie solle nach ihrem Tode keine Ruhe haben und in der Umgegend ihres Vergehens unstet umherwandeln bis zum jüngsten Tage. Der Fluch ging in Erfüllung. Seit dem Ableben der Unglücklichen sah man sie schon oft bei Tag und mehr noch abends auf den Flumser Alpen und obersten Maiensäßen in einfacher Landestracht und weißer Schürze herumziehen. Manchmal besuchte sie sogar auf einige Minuten die Alp- und Maiensäßhütten, gab auf Befragen Rede und Antwort und aß von den Speisen, die man ihr verabreichte, die sich aber nicht verminderten.

Als sie eines Abends in einer Alphütte eingekehrt war und gegessen hatte, sagte sie. nun habe sie die größte Zeit, aufzubrechen; denn sie müsse noch am nämlichen Abende durch alle Flumser Alpen wandern, und man sah sie dann mit erstaunlicher Schnelligkeit über die Alptriften davoneilen.
I. Natsch

Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 261, S. 140f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Irene Bosshard, Juli 2005.