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Das Korn und das Brot

Sobald man die ersten Kornblüten sieht, soll man drei Blüten, nach anderen die Blüten dreier Ähren, essen, denn dann hat man das ganze Jahr kein Fieber, nach anderen kein Sodbrennen.

Legt man das Brot umgekehrt (auf die erhobene Seite), so reitet der Teufel darauf. Das Scherzel (sowohl Anschnitt als Rest) soll man keinem Bettler geben. Wer die Brosamen verwirft, muß sie nach dem Tode suchen. Schätzt (beschenkt) man jemand zu seinem Namenstage mit irgend einem Brot, so ist er im selben Jahre von neun Unglücken befreit. Das Hausbrot bannt die finsteren Mächte. Man steckt deswegen, bevor man nachts weiter ausgeht, gern ein Stückel davon in die Tasche, indem man gewöhnlich auch den Grund sagt: „Ich steck mir a Brot ein, daß i mi nit furcht". Findet oder versteckt man einen Schatz, so lege man schnell ein Brot, sei es auch nur ein Brösel, hinzu, dann kann der Teufel den Schatz nicht verblenden.

Bei Hochzeiten gibt man der Braut den ersten Anschnitt eines frischen Brotlaibs. Das eigene Hausbrot schützt vor bösen Geistern, fremdes aber nicht. Fremdes Brot soll
man nicht mit dem eigenen zugleich backen, weil sonst das Haus verhext werden könnte. Dem verhexten Vieh gibt man geweihtes Brot. Zieht man in ein neues Haus, so kommt zuerst ein Kreuz, ein Geldstück, Salz und Brot hinein. Brotfrevler müssen nach ihrem Tode umgehen. Wenn man den Brotlaib beim Aufschneiden nicht bekreuzt, so gehört der erste Anschnitt (Scherzel) dem Teufel. Als ein Weib das Brot aufschnitt, ohne es bekreuzigt zu haben, und das erste Stück in den Mund steckte, hatte sie lauter Feuer darinnen. In das Brot darf man nicht mit dem Messer stechen: das ist eine grobe Sünde. Wer ins Brot sticht, sticht unserem Herrgott ins Herz. Wenn man von einem Laibe um und um her die Scherzel abschneidet, so schneidet man Jesus, unserem Herrgott die Ferse ab. Wenn der Laib so liegt, daß er mit den Anschnitt gegen die Türe gewendet ist, so wird er geschwind gar. Wenn man ein Brot im Mund hat, soll man keine gemeinen Worte aussprechen, sonst begeht man eine Sünde. Wer zum Brote schmeckt (riecht) oder ein Brot auf die Erde fallen läßt, begeht eine Sünde. Wenn einem ein Stückchen Brot auf die Erde gefallen ist, soll man es aufheben und küssen. Wem ein Brosamen (Brotbrösel) hinunterfällt, der soll so lange darum suchen, bis ihm die Augen bluten. Alle Brotbrösel, die man auf die Erde fallen läßt und zertritt, sammelt der Teufel und wird sie einst auf die linke Waagschale zu unseren Sünden legen. Was man von den Speisen ins Feuer wirft, kommt den armen Seelen zu Gute.

Was man ißt, soll man nicht zählen oder abwägen, sonst schlägt es einem nicht an. Wer schimmeliges Brot ißt, wird stark. Wenn sich Brotteilchen ans Messer kleben, so wird alles teuer. Bei Tisch soll man weder das Messer, noch das Brot auf den Rücken legen, denn beides bedeutet Armut und Nahrungssorgen.

Die niederösterreichische Älplerin pflegte beim Brotbacken folgende Bräuche zu beachten: Die Bäuerin im Schwarzatale knetet nie ohne Fürtuch, sonst springt ihr das Brot auf. Auch darf sich eins nicht auf den Backtrog setzten, weil dann das Brot speckig bleibt. Sind die Brotlaibe eingeschossen (in den Backofen geschupft), so wirft die Bäuerin drei Handvoll Salz ins Feuer: dann wächst das Brot im Ofen. Das erste Simperl (Brotkörbchen) soll gestürzt bleiben, sagen sie in Lunz, damit das Brot aufgeht (gärend aufschwillt). Während das Brot im Ofen ist, sagt man um Neuhaus, darf kein Kuchen mit dem Messer abgeschnitten werden. Bekommt der Laib beim Backen oben einen Riß, dann stirbt jemand aus der Freundschaft, ein Riß unten bedeutet eine Hochzeit. Brot bei sich tragen schützt vor Unfall und plötzlichem Tod. Durch Brosamen verliert ungesundes Wasser die böse Kraft. Brot soll über Nacht zugedeckt werden, sonst rastet die arme Seele.

Das Brot ist die Gabe Gottes, um welches wir täglich im Vaterunser beten. Der Heiland hat es hoch geehrt, indem er es zur sakramentalen Gestalt seines heiligsten
Leibes erkoren hat. Deswegen ehrt es auch der Mensch vor allen anderen irdischen Gaben des Herrn und bekreuzt das Hausbrot, ehe er es anschneidet, fromm im Namen des Dreieinigen Gottes. Darum ist besonders das Hausbrot etwas Ehrwürdiges, Heiliges. Man hüte demnach das Brot sorglich, daß es nicht verunehrt werde, schneide es gleich, lege es gebührlich, daß der Segen Gottes nicht weiche und der Teufel nicht Macht bekomme, seinen Frevel daran zu üben, und achte sogar der Krümmel und Brösel, daß sie nicht in den Kehricht geraten, sondern edleren Tieren, nicht aber Schweinen, gefüttert werden. Die Brösel kann man auch ins Feuer werfen für die armen Seelen. Schneide das Brot gleich, so wirst reich! Wer beim Anschneiden eines Laibes keinen gleichen Schnitt zu Stande bringt, der hat an dem Tage schon gelogen.

Quelle: Sagenreise ins Pielachtal, Sagen, Erzählungen, Geschichten - aus dem reichen Sagenschatz des Pater Willibald Leeb. Zusammengestellt und herausgegeben von der Arbeitsgruppe Heimatforschung im Verein für Dorferneuerung in Hofstetten und Grünau. Text: ca 1900.
Von Gerhard Hager, Verein für Dorferneuerung, 3202 Hofstetten-Grünau, freundlicherweise für SAGEN.at zur Verfügung gestellt.